Luisa Mota-Vogel und die AWO Dortmund

„Meine Mutter sagte immer: Wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade draus“, erzählt Luisa Mota-Vogel. Dieses Lebensmotto hat der 50-jährigen Bürokauffrau immer die Kraft gegeben, sich den Herausforderungen ihres Lebens zu stellen.

Die gebürtige Portugiesin erkrankte bereits mit 19 Jahren sehr plötzlich und heftig an Morbus Bechterew. „Ich bin gesund ins Bett gegangen. Als ich morgens aufgewacht bin, hatten meine Fußknöchel die Größe kleiner Kürbisse und meine Füße haben so geschmerzt, dass ich nicht auftreten konnte“, erzählt Luisa Mota-Vogel. Es folgte ein langer Marathon von Arztbesuchen, ohne dass die Ursache für die Schmerzen gefunden wurde.

„Egal wie stark meine Schmerzen waren: Für mich stand immer im Fokus, den Arbeitstag zu schaffen, denn ich wollte unabhängig sein, auch finanziell. Einmal hatte ich nach Dienstschluss solche Schmerzen, dass ich es nicht mehr zur Bushaltestelle schaffte. Ein älterer Herr fragte, ob er mir über die Straße helfen soll. Das war mein absoluter Tiefpunkt – mit gerade einmal 22 Jahren“, erzählt Luisa Mota-Vogel.

Erst sechs Jahre nach den ersten Symptomen fand Luisa Mota-Vogel einen Hausarzt, der sie zum Rheumatologen überwies. „Ich weiß noch, wie mich der Facharzt intensiv untersuchte und nach 15 Minuten sagte: Das ist Rheuma, wir müssen nur noch herausfinden, welche Form“, erzählt Luisa Mota-Vogel.

Die Diagnose Morbus Bechterew war für die alleinerziehende Mutter ein Schock, aber auch eine Erleichterung: Weil die Ärzte so lange keine Ursache fanden, hatte sie schon gefürchtet, dass sie sich ihre Schmerzen nur einbildete.

Vor ihrer Diagnose hatte Luisa Mota Vogel als Kindergärtnerin, Verkäuferin, Reinigungskraft und Übersetzerin gearbeitet. Da ihr körperliche Arbeit zunehmend schwer viel, nahm sie mit 37 Jahren an einer Umschulung zur Bürokauffrau teil. Danach bewarb sie sich bei der AWO Dortmund. Dort traf sie ihre jetzige Chefin Annette Sieberg, die damals gerade Leiterin des Bereichs Altenhilfe bei der AWO geworden war.

„Frau Mota-Vogel habe ich bei einem gemeinsamen Projekt kennengelernt und dachte mir gleich, dass sie gut in unser Team in der Seniorenwohnstätte passen würde“, erzählt Annette Sieberg. „Ich habe mit ihrem damaligen Bereichsleiter um sie gekämpft, weil er sie unbedingt behalten wollte.“

Luisa Mota-Vogel erwies sich als die optimale Besetzung: Sie managt nicht nur die Verwaltung und Finanzen der Seniorenwohnstätte; mit ihrer fröhlichen und offenen Art ist sie auch die perfekte erste Ansprechpartnerin für Bewohner und Angehörige. Annette Sieberg ist auch beeindruckt von der zupackenden Art von Luisa Mota-Vogel: „Sie hilft überall mit, auch wenn es nicht ihr Arbeitsgebiet ist.“  

Ihre Erkrankung hat Luisa Mota-Vogel bereits im ersten Gespräch mit ihrer Arbeitgeberin erwähnt. Heute erzählt Annette Sieberg: „Ich war kurz überrascht, dann dachte ich mir: Davon lass ich mich nicht beeinflussen. Sie macht einen so positiven Eindruck, das wird gut gehen. Und ich behielt Recht: Frau Mota-Vogel ist einfach eine Powerfrau. Man merkt ihr nicht an, dass sie eine chronische Erkrankung hat. Die meisten Kollegen haben es erst jetzt erfahren, als sie den RheumaPreis gewonnen hat.“

Ihr Büro wurde mit einem höhenverstellbaren Schreibtisch, einem Headset und leichtgängigen Schubladen an ihre Bedürfnisse angepasst. Mit einer auf sie zugeschnittenen Therapie hat sie die Erkrankung auch gut im Griff. So gut, dass sie sich in ihrer Freizeit ihren zwei großen Leidenschaften widmet: Zwei Mal die Woche tanzt sie Zumba und jeden Montag bringt sie ihre zwei Enkelkinder, die sechsjährigen Zwillingen Sarah und Mia, zum Schwimmkurs. Damit entlastet sie auch ihre Tochter, die vor einigen Jahren selbst an Morbus Bechterew erkrankte.

„Ich bin niemand, der sich hängen lässt“, sagt Luisa Mota-Vogel. „Fallen kann jeder, aufstehen ist die Kunst. Wenn ich mal einen Durchhänger habe, dann sage ich mir: Mich schafft das Rheuma nicht. Einen Tag ,Pleite‘, mehr bekommt es nicht – und am nächsten Tag stehe ich wieder meine Frau.“

Matthias Harms und PCK Raffinerie

Als gelernter Maschinenbau-Ingenieur war Matthias Harms bei Wind und Wetter in den Produktionsanlagen der PCK Raffinerie GmbH in Schwedt unterwegs. „Ich kletterte in schwerer Schutzkleidung Steigleitern hinauf. Dort musste ich teils sehr unbequeme Positionen einnehmen, um auch an schlecht erreichbaren Orten meine Arbeitsaufgaben als Instandhalter durchzuführen“, beschreibt Matthias Harms seinen früheren Berufsalltag. Doch mit nur Mitte 20 wurde der Familienvater von immer stärkeren Schmerzen im Rücken und der Hüfte geplagt. Als bei ihm 1988 Morbus Bechterew diagnostiziert wurde, war für ihn klar, dass er das Gespräch mit seinem Abteilungsleiter suchen musste: „Damals war ich jeden Tag draußen an den Maschinen. Da mir schon Laufen und Bücken große Schmerzen bereitete, wusste ich, dass ich diese Tätigkeit nicht ewig ausüben kann.“

Nach dem Gespräch bot ihm sein Abteilungsleiter an, in den Innendienst zu wechseln. „Das war nicht einfach, weil eigentlich alle neuen Mitarbeiter erst mehrere Jahre Erfahrung im Außendienst sammeln mussten. Aber die Kollegen hatten Verständnis“, erzählt Matthias Harms. In seiner neuen Position wurde die Einführung von Computern und SAP bei der PCK Raffinerie sein Hauptaufgabengebiet: „Das war eine schöne Zeit. Ich war mein eigener Chef und habe eigenverantwortlich gearbeitet. Der Fachbereich SAP war für alle Neuland. Meine einzige Vorgabe war, dass nach 12 Monaten alles fertig sein muss“, erinnert sich der heute 54-Jährige.

Nach der Wiedervereinigung wurde das Unternehmen privatisiert, die Raffinerie musste umstrukturieren, sich dem Markt anpassen und dabei auch ihren Personalbestand drastisch reduzieren. In Zahlen ausgedrückt: von 8.600 Mitarbeiter im Jahr 1989 auf 1.200 Mitarbeiter aktuell. Auch der Job von Matthias Harms stand auf dem Spiel. „Mein Fachwissen über die junge Computertechnologie, über SAP und die Messtechnik wurde vom Unternehmen jedoch als so wertvoll eingeschätzt, dass ich bleiben konnte“, erzählt Matthias Harms.

Seitdem hat Matthias Harms die Digitalisierung seines Unternehmens voll begleitet. Sein erster Computer war der Großrechner Nicolet, der spektakuläre 16 kByte Speicherplatz und die Größe eines dreitürigen Kleiderschranks hatte. Heute ist Matthias Harms Herr über 155 hochmoderne Rechner, die in Echtzeit Messwerte von den Maschinen in der Raffinerie sammeln, um sie für die Maschinendiagnose zu visualisieren und die Systeme für den Maschinenschutz zu programmieren. „Wahrscheinlich hat niemand im Unternehmen so viele Computer wie ich“, erzählt Harms lachend.

„Matthias Harms hat die Digitalisierung der Arbeitsmaschinendiagnose maßgeblich vorangetrieben“, so Jens Haselow, Personalleiter der PCK Raffinerie über den Maschineningenieur. „Dank qualifizierter Mitarbeiter wie ihm gehören wir heute zu den Top-Unternehmen in Brandenburg.“

„Die PCK Raffinerie hat mir durch die Anpassung der Arbeitsaufgabe und die Weiterbildung in einem neuen Fachgebiet ermöglicht, auf hohem Niveau weiter berufstätig zu sein“, sagt Matthias Harms. Das Erfolgsgeheimnis besteht für ihn in der Offenheit und Ehrlichkeit: „Ich kann nur jedem empfehlen, das Gespräch mit dem Vorgesetzten zu suchen, um gemeinsam eine Lösung zu finden. Man bekommt nur Unterstützung, wenn der Arbeitgeber weiß, dass sie gebraucht wird.“

In seiner Freizeit engagiert sich Matthias Harms heute als Gruppensprecher bei der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew (DVMB). Davor war er lange im Vorstand des Schützenvereins – und dreimaliger Schützenkönig von Schwedt. Auch seine Kinder haben den Vater in ihrer Jugend auf Trab gehalten: „Meine Tochter liebte das Go-Kart fahren und mein Sohn war leidenschaftlicher BMX-Rennfahrer und fuhr in der Bundesliga. Gemeinsam mit meiner Frau habe ich ihn viele Wochenenden durch ganz Deutschland zu Turnieren gefahren und meine Tochter auf die Rennbahn begleitet.“ Zu viel wurde ihm das nie: „Ich sage mir immer: Schätze deine eigenen Kräfte gut ein, aber lass dir nie die Neugier und die Lust auf neue Aufgaben und Herausforderungen nehmen!“

Petra Heim und Arvato Bertelsmann

„Rheuma ist mein ständiger Begleiter. Aber ich strukturiere mein Leben so, dass ich die Erkrankung manchmal fast vergessen kann.“ Das ist das Motto von Preisträgerin Petra Heim. Die Wirtschaftskauffrau und zweifache Mutter stand voll im Berufsleben als bei ihr Psoriasis-Arthritis diagnostiziert wurde. Mit dem Fortschreiten der Erkrankung wurde es zunehmend schwer, die Computer-Maus zu bedienen; oft verkrampften sich ihre Hände beim Telefonieren um den Hörer und bewegten sich nicht mehr. Aufgrund ihrer Rückenschmerzen bat sie bei ihrem Arbeitgeber um einen orthopädischen Stuhl. Dadurch kam sie mit der Schwerbehinderten-Beauftragten in Kontakt, die sie ermutigte, das Gespräch mit der Personalabteilung zu suchen.

„Für mich war das ein großer Schritt“, sagt die 51-jährige Petra Heim. „Ich erzähle ungern über mich und auf gar keinen Fall wollte ich wegen meiner Erkrankung bevorzugt werden. Aber das Gespräch war sehr unkompliziert. Ich glaube, ich habe mir da viel mehr Sorgen gemacht, als nötig gewesen wäre.“

Nach dem Gespräch wurde ihr Arbeitsplatz individuell für sie eingerichtet und sie bekam die Möglichkeit, ausschließlich in der Frühschicht zu arbeiten, da es ihr morgens meist bessergeht als nachmittags.

„Das entspricht unserer Firmenphilosophie“, erklärt Thomas Schröder, Standortleiter von Arvato Bertelsmann in Chemnitz. „Für uns steht die Qualifikation und Leistung unserer Mitarbeiter im Vordergrund. Für alles andere finden wir eine Lösung. Wir gestalten den Arbeitsplatz und das Arbeitsumfeld so, dass er oder sie seine bzw. ihre Fähigkeiten voll entfalten kann. Dazu können Anpassung der Pausen und Arbeitszeiten, ein besonderer Stuhl oder eine bestimmte Software gehören: Wir schnüren für jeden Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin ein individuell angepasstes Paket, egal ob chronisch krank oder gesund.“

Aus seiner Sicht liegt diese Unterstützung auch im Interesse des Unternehmens: „Rund 10 Prozent unserer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haben eine Schwerbehinderung. Sie machen alle einen super Job und bringen vielfältige Talente in die Firma ein. Es wäre schade, wenn wir dieses Potential nicht nutzen würden oder es uns verloren ginge“, so Thomas Schröder. Neben Petra Heim haben sich in diesem Jahr sieben weitere Kolleginnen und Kollegen von Arvato Bertelsmann um den RheumaPreis beworben.

„Ich habe meine Psoriasis-Arthritis mit Medikamenten unter Kontrolle“, erzählt Petra Heim, „und mein Arbeitsplatz ist so perfekt auf mich angepasst, dass ich kaum Schmerzen habe.“ Ihre Berufstätigkeit war ihr immer wichtig. „Meine Arbeit macht mich stark und gibt mir Selbstvertrauen. Ich muss unter Leute und etwas tun. Ruhe haben kann ich, wenn ich alt bin“, so Petra Heim.

Auch in ihrer Freizeit ist sie immer in Bewegung und verreist gerne gemeinsam mit ihrem Sohn. Ihre Kurztrips führen sie ins Thermalbad oder an die Ostsee, die Fernreisen nach Mauritius, Florida oder Rhodos – Hauptsache ans Meer und zum Wasser. Ihre rheumatische Erkrankung war dabei nie ein Hindernis: „Die Fluglinien sind sehr gut darauf eingerichtet, die Medikamente im Kühlschrank zu transportieren. Das ist so unkompliziert, dass ich einmal die Medikamente fast im Flugzeug vergessen habe. Da musste mir dann die Stewardess hinterherlaufen“, erzählt Petra Heim lachend.