Im Alter von 21 Jahren überkam sie jedoch eine unglaubliche Müdigkeit und Erschöpfung. Gleichzeitig schmerzten Hände sowie Füße und ihre Gelenke fühlten sich steif an. „Ich hatte Glück im Unglück, da meine Hausärztin gleich einen Verdacht hatte, ich über meinen ebenfalls an Rheuma erkrankten Vater den Kontakt zu einem Rheumatologen bekam und so nach einer relativ kurzen Zeit schon meine Diagnose erhielt: eine seropositive rheumatoide Arthritis.“ Doch damals fühlte sich das für die junge Frau keineswegs wie „Glück“ an. „Im ersten Moment dachte ich, mein Leben sei vorbei“, sagt Vanessa Wegner. „Ich stand am Anfang meiner beruflichen Karriere und jetzt hatte ich eine unheilbare Autoimmunerkrankung und mir drohte die Frührente?“
Die 21-Jährige hatte bereits die lange Leidensgeschichte ihres Vaters erlebt, der ebenfalls an einer ausgeprägten Rheumaerkrankung gelitten hatte. Als Kind musste sie mit ansehen, wie er unter starken Schmerzen kaum gehen konnte, wie er sich selbst spritzte, Depressionen bekam und sich schließlich aufgab und keine Medikamente mehr einnahm. Als ihr Vater später neue Medikamente von seinem Rheumatologen erhielt, waren seine Hände und Finger bereits dauerhaft verformt. „Auch ich musste sechs oder sieben Mal die Medikamente wechseln, bis wir etwas hatten, das ich vertrug und das half“, erzählt Vanessa Wegner. „Ich bin damals fast verzweifelt.“ Doch gerade ihr Vater hätte ihr während dieser schweren Monate viel Mut zugesprochen und ihr immer wieder bekräftigt, dass sie es besser machen solle als er.
Gleichzeitig hatte die junge Frau Angst, ihrem Dienstherrn bei der Staatsanwaltschaft sowie den Kollegen und Kolleginnen von ihrer Erkrankung zu erzählen. Doch der Personalchef kam schließlich auf sie zu und beteuerte, dass sie sich keine Sorgen machen sollte, dass sie ihren Job selbstverständlich behalten würde und auch die Verbeamtung kein Problem darstellen würde. Sie solle erst einmal zur Ruhe kommen und sich um ihre Gesundheit kümmern. Inzwischen ist die Patientin gut auf ein Biologikum eingestellt. „Nach anfänglichen Schwierigkeiten kann ich es mir heute sogar selbst spritzen. Und alle drei Monate fahre ich zusätzlich zu meinem Rheumatologen in Hamburg.“
Und um ihren beruflichen Weg macht sich Vanessa Wegner keine Sorgen mehr. Denn ihr Dienstherr Karsten Bösicke bestätigt: „Wir sehen es als unsere Aufgabe an, unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen so zu unterstützen, dass sie trotz eventueller Einschränkungen ihre Arbeit gut leisten können und vor allem jeden Tag gerne zur Arbeit gehen.“ Daher war es auch selbstverständlich für die Staatsanwaltschaft Lüneburg, mit voller Unterstützung hinter ihrer Mitarbeiterin zu stehen. Vanessa Wegner bekam einen höhenverstellbaren Schreibtisch und einen Stehstuhl, um sich während ihrer Arbeit möglichst viel bewegen zu können, sodass die Gelenke nicht steif werden. Sie hat sogar ein Laufband in ihrem Büro, das sich nahe an den Schreibtisch schieben lässt, sodass sie Tätigkeiten am Laptop problemlos im Gehen ausüben kann. Ein Rollwagen erleichtert das Transportieren schwerer Akten, die in andere Räume gebracht werden müssen. Und wenn Arzttermine anstehen, legt die Patientin Homeoffice-Tage ein. „Das ist auch für meine Vorgesetzten und meine Kollegen von Vorteil. Denn ich bin nicht krankgeschrieben, sondern hole meine Arbeit nachmittags nach dem Arzttermin nach.“
Das Wichtigste sei in Vanessa Wegners Augen das klare und offene Kommunizieren und das gegenseitige Vertrauen in beide Richtungen. Denn nur wenn man sich seinem Arbeitgeber gegenüber anvertraue, könne der auch wissen, wie die Hilfestellung aussehen und eine gute Zusammenarbeit gelingen könne. Natürlich gäbe es auch schlechte Tage, an denen sie nicht arbeiten könne, das sei aber relativ gut vorhersehbar, da sie die vorherigen Symptome der Krankheitsschübe nun deuten kann. Dann zeigt sich auch das zusätzliche Sjögren-Syndrom, unter dem sie leidet. Dieses äußert sich vor allem in Form einer starken Trockenheit der Augen und einer starken Müdigkeit beziehungsweise Erschöpfung. „Aber man muss immer ein positives Mindset behalten, denn nach jedem schlechten Tag kommen auch wieder gute!“, sagt Vanessa Wegner. „Am Anfang einer solchen Krankheit ist jeder mit seiner Gefühlswelt überfordert. Da hilft es, mit den Liebsten, den Kollegen und Kolleginnen und auch mit anderen Betroffenen aus Foren darüber zu sprechen und sich auszutauschen.“
Für die junge Frau ist auch die Geschichte ihres Vaters eine große Motivation. Sie habe aus seinen Fehlern gelernt und er wäre heute stolz, wenn er sehen könnte, wie positiv seine Tochter ihr Leben mit der Krankheit meistert. „Eigentlich steht der RheumaPreis somit auch als Würdigung für meinen inzwischen leider verstorbenen Vater.“ Man dürfe sich auf keinen Fall für die Erkrankung schämen. Wer offen damit umgehe, zeige Stärke – das schaffe Verständnis, statt Mitleid. „Gleichzeitig ist es sehr wichtig, immer in Bewegung zu bleiben. Auch wenn es manchmal schwerfällt oder sogar richtig wehtut“, sagt die 26-Jährige heute. „Notfalls sind es eben nur kurze Spaziergänge von fünf Minuten mit Unterstützung meines Verlobten.“ Doch danach steigere sie ihre Aktivität wieder, am nächsten Tag seien es dann vielleicht schon zehn Minuten. So habe sie schließlich auch mit Yoga angefangen, um sich ausgeglichener zu fühlen und mit Stresssituationen besser umgehen zu können. Anschließend kamen Aquafitness und Schwimmen hinzu; später trat sie einer Zumbagruppe bei. Heute macht sie sogar Kraftsport, Jumping Fitness und Pilates. „Und das Tolle ist – ob bei der Arbeit, im Privatleben oder beim Sport – ich bin nie allein, alle stehen zu mir und unterstützen mich – mein Leben ist keineswegs vorbei, sondern glücklich und beruflich erfolgreich.“
„Ich sehe in allem negativ Behafteten etwas Positives! Und ich freue mich, mit dem RheumaPreis der Erkrankung Rheuma ein Gesicht zu geben und anderen Patienten und Patientinnen Mut zu machen. Mit dem Erzählen unserer Geschichten können wir uns gegenseitig inspirieren.“
Vanessa Wegner
„Für uns stellt keine gesundheitliche Einschränkung, egal welche, ein Einstellungshindernis dar. Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit sind gegenseitiges Vertrauen und die Unterstützung der Mitarbeiterin dort, wo sie sie benötigt, wichtig – beispielsweise durch das Anschaffen von Hilfsmitteln, die ihr die Arbeit erleichtern.“
Karsten Bösicke, Staatsanwaltschaft Lüneburg